Lossprechung – oder die lange Odysee durch die Remstalboutiquen

Du hast es vielleicht schon mitbekommen: Ich bin mit meiner Ausbildung zur Augenoptikergesellin fast fertig. Ich habe noch eine Prüfung vor mir und dann ruft die Lossprechung. Ich bin neugierig und super gespannt, was der neue Lebensabschnitt für mich parat hält. Die Verträge für die neue Stelle sind bereits unterschrieben und ein Großteil der Prüfungen sind absolviert. Im Juli gibt es noch die letzte Prüfung und dann warten wir Azubis alle sehnsüchtig auf unseren Gesellenbrief.

Da ich viele Umwege gehen musste um an diesen Punkt zu gelangen, habe ich mir fest vorgenommen, dass meine Lossprechung meinen Wünschen entspricht. Abendgarderobe ist gewünscht und deswegen habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass das Kleid gefälligst bodenlang zu sein hat. Ich will High Heels tragen und mit Pauken und Trompeten den neuen Lebensabschnitt einleuten. Darum habe ich schon früh angefangen, nach dem ultimativen Abendkleid für mich zu suchen. Denn leider fällt der Termin meiner Lossprechung mit vielen anderen Abschlüssen zusammen und quasi jeder sucht irgendwas Abendgarderobenmäßiges. Fange ich erst kurz vor knapp an zu suchen, ist die Auswahl auf ein Häufchen schweinchenrosaner Cocktailkleider in Übergröße geschrumpft. Nichts, was ich mir für mich wünsche.

Ich begann also die verschiedenen Boutiquen im Rems- und im Murrtal abzuklappern. Vielleicht liegt es an meinen roten Haaren oder auch an den Piercings oder meiner Körpergröße, aber im Großen und Ganzen habe ich quasi überall das selbe Erlebnis gehabt: Ich wurde nicht ernst genommen.

Auf meine Bitte hin, dass das Kleid bodenlag, mit A-Linie und Trägern zu sein hat, wurden mir rückenfreie, ärmellose Cocktailkleider gereicht. Z.T. hatten sie dann auch noch einen Fishtail. Auch der Hinweis, dass das Kleid in gedeckten Farben gehalten sein soll (mit der Information auf dunkelblau, dunkelgrün, dunkelrot, schwarz, etc.), wurde geflissentlich übergangen. Mir wurden unzählige Kleider in den schrägsten Pastelltönen gereicht. Da waren Kleider dabei, die aussahen wie geplatzte Sofakissen, andere erinnerten an Marshmallows.

Das einzige Kleid, das es in die engere Auswahl geschafft hat – leider ein Cocktailkleid.

Den Vogel abgeschossen hat dann eine Beraterin in einer Boutique, die mich in Perlen einkleiden wollte. Perlen. Ich? Niemals! Aber immerhin hat sie sich Mühe gegeben. Das konnte man nicht von allen Beraterinnen sagen. Beim Raitle – eine Boutique in meinem Heimatflecken – wurde ich ignoriert, sämtliche Verkäuferinnen waren plötzlich schlagartig von der Verkaufsfläche verschwunden. Ich probierte gerade das dritte Kleid an, als eine Verkäuferin an mir vorbeilief, mich abfällig von oben bis unten musterte und dann die Nase rümpfte.
Als ich dann gehen wollte, hielt sie mich auf und war ganz erstaunt, dass ich nichts gefunden hatte. Auf meinen Hinweis, dass sie die Nase gerümpft hätte und dass das nicht die feine englische Art sei um mit zahlenden Kunden umzugehen, bezeichnete sie mich als Lügnerin.

Meine Mutter hatte zwischenzeitlich dann auch mal eine Boutique ohne mich aufgesucht. Sie kam noch nichtmal dazu zu sagen, dass das Abendkleid, das sie suchte, nicht für sie sondern für mich sei, da wiegelte ihre Beraterin sie mit den Worten ab “Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in Ihrer Größe etwas für Sie finden”. Kaum hatte meine Mutter das Missverständnis aufgeklärt, war die Verkäuferin Feuer und Flamme und wollte sie unbedingt beraten.
Um meine Mutter kurz zu beschreiben: Sie ist ein klein wenig größer als ich und hat ein paar Gramm mehr auf den Rippen. Aber sie ist weder fett noch unförmig. Sie ist halt einfach eine zweifache Mutter, die sich gesund ernährt, Sport treibt und trotzdem die eine oder andere Problemzone hat. Das ist jedenfalls alles kein Grund um sie so zu behandeln.

Traurigerweise war ich vor ein paar Jahren mit Mister X ebenfalls beim Raitle. Ich wurde abschätzig betrachtet, mich nahm man als Kundin nicht ernst. Die Beratung, die für mich gedacht war, geschah an ihn gerichtet über meinen Kopf hinweg. Er sagte irgendwann, dass ich die Kundin sei und nicht er nach dem Verkaufsgespräch das Kleid tragen würde. Als wir dann in die Herrenabteilung sind, wurde uns dann sogar Sekt ausgeschenkt. Schon damals wollte ich nach der Aktion keinen Cent dort lassen. Das hat sich diesmal nur wieder bestätigt.

Am Samstag werden der Wolf und ich mal ins Breuninger Land gehen. Das ist ein riesiges Einkaufszentrum vom Breuninger aus. Dort gibt es, neben dem Breuninger, sämtliche Alternativen wie Zara, Mango, klassisch New Yorker und Konsorten. Und wenn wir da nicht fündig werden, werden wir nach Stuttgart ins Milaneo gehen. Dort reiht sich auch eine Boutique an die andere.

Es scheint wirklich zuviel verlangt zu sein, an seiner Lossprechung gut aussehen zu wollen. Ich will einfach nur ein Abendkleid, das zu mir und meinen Wünschen passt und nicht irgendwelche gruseligen Dinger, von denen ich schon beim Gedanken daran Alpträume bekomme.’
Ich hatte zwischenzeitlich auch schon überlegt, selbst eins zu nähen. Aber ich bin primär nur mit alltäglichen Stoffen vertraut. Von den etwas edleren, eleganteren brauchen wir gar nicht sprechen. Ich kenne zwar grob die Unterschiede, tu mir aber doch eher schwer mit der Wahl. Ansonsten muss ich halt doch mal wieder nach Stuttgart in die Augustenstraße. Dort ist mein persönlich liebster Stoffladen mit der wohl besten Beratung. Dann nähe ich doch selbst. Aber immerhin wir des dann so, wie ich es haben will!

Was ist mit dir? Hast du schon ähnliche Erfahrungen gemacht?


 
 
 

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