Vergiss nie, dass ich dich liebe – Teil 1

Vor einigen Jahren – um genau zu sein, im Jahr 2008 – habe ich mit einer Geschichte angefangen, die mich seither durch meinen Alltag begleitet. Immer wieder schreibe ich daran und versuche mittlerweile sie zu einem Abschluss zu bekommen. Nun möchte ich dich an meinem Werk teilhaben lassen, in der Hoffnung, dass du beim Lesen genauso viel Spaß hast, wie ich beim Schreiben.

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Ich saß an meinem Klavier und klimperte vor mich hin. Die Melodie strotzte nur so vor Fehlern, sodass man sie nur mit Ach und Krach als eine von Bachs Symphonien erkennen konnte. Eigentlich war ich viel zu durcheinander um zu spielen. Meine Gedanken drehten sich im Kreis und dennoch war dies die einzige Möglichkeit um meine zitternden Hände unter Kontrolle zu bringen.

Wie oft hatte ich von diesem einen Moment geträumt? Wie oft hatte ich mir vorgestellt, diesen Menschen näher bei mir zu haben und keine Theke zwischen uns sehen zu müssen?

Unzählige Male war ich in diese Bar gegangen, hatte diesen Menschen nie gesehen, nicht wahrgenommen. Und doch, ich hatte immer dieses seltsame Gefühl eines stechenden Blickes im Rücken gehabt. Drehte ich mich aber um und versuchte die Ursache ausfindig zu machen, konnte ich niemanden entdecken. Bis vor drei Monaten. Da sah ich ihn. Einen jungen Mann, schön, unnahbar, umringt von Männern, die ihn lüstern begafften und ihm scheinbar Geld für Dinge boten, von denen ich nichts wissen wollte.

Mir fiel auf, dass seine Haare bläulich schimmerten, wenn er sich drehte. Sie waren schulterlang und im Nacken zu einem kurzen Zopf zusammen gebunden. Bei jedem anderen hätte es lächerlich gewirkt, aber bei ihm schmiegten sich die einzelnen Härchen sanft an seinen Hals, ließen ihn graziös, zerbrechlich und unglaublich zart wirken. Seine wahnsinnig helle Haut stach in der Dunkelheit des Clubs hervor und hob ihn von den anderen ab.

Es war mir unbegreiflich, warum er mir nicht schon früher aufgefallen war. Vor allen Dingen verstand ich es noch weniger, als ich einmal nah genug an der Theke stand um seine Augen bewundern zu können. Sie strahlten grün. Zumindest als er mir direkt in die Augen sah. Im nächsten Moment waren sie von einem tiefen blau durchzogen. Er hatte sich ein wenig zur Seite gedreht und gestikulierte wild in die Richtung eines Typen, der im Stil eines Masochisten aus der SM-Szene gekleidet war. Seine Augen waren leicht zusammengekniffen und um seinen Mund – oh seinen wunderschönen Mund, seine vollen Lippen – hatte sich ein harscher Zug gebildet. Warum auch immer er diesen Mann so ansah, ich hoffte inständig, dass ich nie der Grund dafür sein würde. So schön er auch war, so sehr schmerzte es mich tief in meiner Seele, wenn er so schaute.

Ich verstand nicht, warum ich so empfand, warum seine Blicke, seine Handlungen, seine Mimik mich so sehr beeinflussten.

 

Ab diesem Moment verbrachte ich meine gesamte Freizeit in diesem Club. Ich hatte absolut keine Ahnung, welcher Teufel mich ritt, was mich dazu bewegte, jeden Abend zwölf Dollar für den Eintritt zu bezahlen und mich dann die gesamte Nacht mit Mineralwasser halbwegs fit zu halten.

Am Anfang war es die Hölle. Ich war es nicht gewohnt, bis morgens um vier in einem Club auf meinem Hintern zu sitzen und mir jeden einzelnen Mann anzusehen. Mein Herz klopfte schwer in meiner Brust und drohte mir meine Rippen zu sprengen. Es tat weh, wenn er nicht da war. Und es setzte aus, wenn er zur Tür rein kam, strahlend, immer lächelnd. Seine Kollegen wurden in die Rippen geknufft, er hatte für jeden ein freundliches Wort. Nur nicht für mich. Zu weit saß ich von ihm entfernt, zu weit, als dass er mich jemals bemerken könnte.

Betrübt ließ ich den Kopf hängen, erhaschte immer mal wieder einen Blick auf seine Hand, wenn sie einem Gast das Getränk reichte. Ich sah seinen Oberkörper unter dem knallengen Chiffon-Oberteil, seinen durchtrainierten Bauch und ich wünschte mir nichts sehnlicher als mit den Fingerspitzen die Konturen seiner Muskeln nachzufahren. Ich wünschte mir so sehr, mit der kecken Haarsträhne zu spielen, die sich immer aus seinem Zopf löste und ihm frech ins Gesicht hing.

 

Nach wie vor hatte ich dieses unbändige Gefühl beobachtet zu werden. Auch wenn ich den Grund noch immer nicht ausfindig machen konnte. Jedes Mal, wenn ich mich nach der Ursache umdrehte, bemerkte ich ihn. Meist stand er an der Bar und bediente irgendwelche Gäste. Aber nie, gar nie, sah er mich an oder beobachtete mich gar. Es war mir unverständlich, denn jedes Mal, wenn ich in diesen Club kam und mich nach ihm umsah, konnte ich ihn nicht entdecken. Sobald in mir aber das Gefühl des Beobachtetwerdens aufkam und ich mich umdrehte, da bemerkte ich ihn dann plötzlich. Irgendwann kam mir der Verdacht, dass er der Grund für dieses Gefühl war. Doch so sehr ich auch die Augen offen hielt, ich bekam einfach keine Bestätigung. So ging es also weiter.

Abend für Abend ging ich in diesen Club, solange, bis ich seine Arbeitszeiten raus gefunden hatte. So konnte ich an den Tagen, an denen er nicht arbeitete, zu Hause bleiben.

Doch anstatt etwas Ruhe zu finden, nach all den durchgemachten Nächten tigerte ich wie eine nervöse Katze in meinem Haus auf und ab. Immer wieder setzte ich mich auf meinen Klavierhocker, nur um im nächsten Moment wieder aufzuspringen. Mir ging dieser Mensch einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ständig musste ich an ihn denken, erinnerte mich in allen Einzelheiten an die Kleidung, die er zur Arbeit trug, Kleidung, die seinen wahnsinnig schönen Körper noch unterstrich. Oh, er sah bestimmt in Allem gut aus. Wahrscheinlich könnte er sogar in einem Müllsack in den Club kommen und er würde selbst dann noch die Blicke sämtlicher Männer und Frauen auf sich ziehen.

Frauen. An diesem Punkt meiner Gedanken wäre ich am Liebsten jedes Mal mit dem Kopf durch die Wand. Während ich ihn von einem entlegenen Platz aus beobachtete, fielen mir des Öfteren Frauen auf, die sich an der Bar aufhielten. Meist war es ein ganzes Rudel – gab es dafür einen Grund, oder rannten Frauen pauschal in Rudeln durch die Clubs? Es war mir jedenfalls unverständlich, warum er ihnen überhaupt Beachtung schenkte. Er sollte doch eigentlich mich ansehen. Zumindest war das der Gedanke, der mir in meiner Einbildung gefiel.

Genau, was wäre, wenn er jede dieser Frauen ignorierte und nur Augen für mich hätte?
Was wäre, wenn er die Theke Theke sein lassen würde und zu mir käme?

Was wäre, wenn er sich mir gegenüber setzen würde um mit mir etwas zu trinken?

Was wäre, wenn er nach seiner Schicht mich draußen vor dem Club abfangen würde?

Aber dem war nicht so.

Stattdessen unterhielt er sich mit den Frauen. Bald hatte ich sein Schema raus. Anfangs redete er mit jeder aus dem Rudel, machte ihr scheinbar Komplimente, lachte mit ihr. Doch dann pickte er sich eine raus. Ich bildete mir ein, das mädchenhafte Kichern bis zu mir an meinen Platz zu hören, was dank der überdimensional lauten Musik eigentlich unmöglich sein sollte.

Ihre Gesichter röteten sich, wenn er sich zu ihnen über den Tresen beugte und ihnen ein Glas hinstellte. Wie zufällig berührten sich dann ihre Finger und die Frauen schlugen die Augen nieder und kicherten.

Wenn er ein paar Minuten Zeit hatte, kam er immer wieder zu der Frau zurück, die er sich rausgesucht hatte. Er machte ihr schöne Augen – und ja, seine Augen waren wirklich schön.

In mir kochte es. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und nicht selten wand ich den Blick von dem turtelnden Pärchen ab.

Gegen Ende seiner Schicht war er meist verschwunden und die Frau blieb enttäuscht zurück.

Bis zu einem Abend. Er hatte sich wieder ein Objekt ausgesucht – eine Frau mit relativ stattlichem Vorbau, vollem Mund und langen, feuerroten Haaren – doch anstatt sie abblitzen zu lassen, flüsterte er ihr kurz vor seiner Pause etwas ins Ohr. Sie wurde rot, nickte und wand sich dann wieder ihrem Drink zu.

Als er dann in seine Pause verschwand, zwinkerte er ihr zu, sie stand auf und folgte ihm – scheinbar unauffällig – durch die Hintertür. Ohne es bemerkt zu haben, hatte ich meine Fingernägel in die Sitzfläche meines Hockers gekrallt. Mir war der Schweiß ausgebrochen und meine Zunge fühlte sich an wie Schmirgelpapier. Ich saß wie auf Kohlen und hoffte inständig, dass er nur kurz auf die Toilette ging, dass er in ein paar Sekunden wieder zurück sei. Doch er kam und kam nicht.

Nach einer halben Stunde – das Ende seiner Pause war bereits seit fünf Minuten vorbei – kam er wieder in den Club zurück. Er sagte was zu einem seiner Kollegen, dieser klopfte ihm auf die Schulter und lachte. Die Frau mit den roten Haaren war nicht wieder zurück gekommen.

Und ab da verzog er sich an jedem Abend, an dem er arbeiten musste, in seiner Pause mit irgendeiner Frau in den Hinterhof. Mir drehte sich jedes Mal der Magen um, wenn ich diese Frauen sah. Meist waren es Frauen, die schon seit eh und je in diesen Club kamen. Aber danach hatte ich sie nie wieder gesehen. Aus welchem Grund auch immer.

Nur, warum tat er das? Ich saß auf meinem Hocker und beobachtete, wie er mit irgendwelchen Frauen verschwand. Es zerriss mir fast das Herz. Ich entfernte mich immer weiter, versuchte eine größere räumliche Distanz zwischen ihn und mich zu bekommen. Doch anstatt an den Abenden einfach zu Hause zu bleiben, kam ich dennoch in diesen Club. Ich musste ihn einfach sehen. Sein Anblick löste etwas in mir aus, etwas schon lange Vergessenes. Ich hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Etwas, das wichtig war. Wichtig für mein Leben. Dieser Mann war mir auf eine undefinierbare Art vertraut. Und doch kam er mir so fremd vor, wie jeder andere, der in diesen Club ging.

 

Ride on – 1. Buch | Kapitel 1 „Vergiss nie, dass ich dich liebe!“

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