Reußenstein

Es ist erfrischend kalt. Der Herbst hat Einzug gehalten. Der Wind pfeift über das Hochplateau und bringt den Duft von Heu und Laub. Die Sonne ist schon lange untergegangen, nur ein blauer Streifen am Horizont bezeugt ihr Licht. Während ich mir den Mantel enger ziehe, dreht er sich eine Zigarette. Obwohl ich bereits vor über einem Jahr das Rauchen aufgehört habe, nehme ich dennoch dankbar die mir angebotene Zigarette entgegen. Das Feuer vom Feuerzeug wärmt für einen kurzen Augenblick meine kühlen Finger. Ich werde skeptisch von einigen Highland-Rindern dabei beäugt, wie ich meinen Rucksack auf den Boden stelle und dabei versuche, meine aberwitzigen Haarsträhnen davon abzuhalten in die Glut geweht zu werden. Einen Augenblick später habe ich die Kamera herausgefummelt und halte sie in den klammen Händen. Die Rinder haben das Interesse an mir verloren und widmen sich wieder ihrem Futter.

IMG_7291_03Ein paar Bilder später nimmt er mir den Rucksack ab und ich konzentriere mich darauf, mit der Kamera nicht auf dem holprigen Weg zu stürzen. Der Pfad führt uns zu einem natürlichen Aussichtspunkt, der umgangssprachlich auch „der Selbstmörderfelsen“ genannt wird. Trotz meiner Höhenangst und dem garstigen Wind, der die Steilwand hinaufpfeift, wage ich mich bis auf wenige Zentimeter an den Rand. Die Aussicht ist atemberaubend. Ich kann jeden Riss im Kalkstein trotz Dämmerlicht wahrnehmen und das schiere Alter des Gesteins und der Ruine lassen mich ganz ehrfürchtig werden. Eigentlich möchte ich die Aussicht noch länger genießen. Aber solange wir noch etwas Licht haben, hat die Ruine Vorrang.

Wir wandern den Pfad weiter. An manchen Stellen ist es rutschig, der lehmige Boden hat das Wasser vom Vortag noch nicht ganz verarbeitet. Wie immer, wenn ich mit ihm unterwegs bin, habe ich das denkbar ungünstigste Schuhwerk an, das man tragen kann. Meine Ledersohlen finden einfach keinen Halt und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass mir die ausgetretenen und zum Teil glitschigen Stufen mehr als einmal beinahe zum Verhängnis werden.

Vor einigen Jahren wurde die Ruine von vielen Helfern wieder restauriert, weswegen auch ein paar Geländer vorhanden sind. Durch den Wind und die Höhenlage sind sie aber so kalt, dass ich es nicht allzu oft wage, sie anzufassen. Mittlerweile sind meine Finger so kalt, dass ich mir kaum eine Zigarette anzünden kann. Auch der Auslöser der Kamera fühlt sich verhältnismäßig schwergängig an.

Wir erkunden die Ruine, während um uns herum langsam aber sicher die Nacht herein bricht. Es gibt einen Balkon, der beinahe windgeschützt ist. Von dort genießen wir einen umwerfenden Ausblick über eine Stadt, in der die Abendruhe einkehrt. Die ersten Lichter in den Häusern gehen an. Mir drängen sich unweigerlich die Gedanken auf, was die Familien wohl gerade machen. Sitzen sie vor dem Fernseher? Oder sind sie beim Abendessen?
Während wir von unserem Aussichtspunkt aus weiter nach oben gehen, kommen wir an einem Plateau an, das mitten im Wind steht. Die Winde, die auf die Ruine prallen, werden umgelenkt und umwehen uns mit eisiger Kälte. Es wäre beinahe unangenehm, wenn nicht das Wissen wäre, dass wir zu jeder Zeit umkehren könnten.

Er sieht mich an und wir sind uns einig, dass wir uns an den Abstieg machen würden, solange wir die Hand vor Augen noch sehen könnten. Denn den unteren Bereich der Ruine haben wir noch nicht betrachtet. Dort unten sind wir wieder relativ windgeschützt. Es gibt einen stillgelegten Brunnen, kleine Katakomben. Das Tor zu einem „unterirdischen“ Raum ist seltsamerweise geöffnet. Auch hier wagen wir einen Blick und versinken in völliger Finsternis. Zu den beiden Fenstern dringt kein Licht mehr herein.

Erneut auf einem der Balkone angelangt, entscheide ich mich, die Kamera einzupacken. Mir war, als hätte ich zwischen den Windböen kleine Regentropfen fein wie Nadelstiche gespürt.

Mittlerweile hat sich das Dämmerlicht in eine angenehme Düsternis verwandelt. Man sieht nicht mehr viel von den Stufen und vom Weg. Das ist für uns der Zeitpunkt uns auf den Rückweg zu machen. Denn einen Beinbruch oder gar einen Absturz vom Selbstmörderfelsen brauchen wir an diesem Abend wirklich nicht.

IMG_7318_02Auf dem schmalen Pfad zurück zum Felsen herrscht eisiger Gegenwind. Es verschlägt mir den Atem und es fällt mir schwer, mit ihm Schritt zu halten, also lasse ich mich in seinen Windschatten zurückfallen. Das Metall, dass ich direkt auf der Haut trage, fängt an unangenehm zu werden. An der Lippe friert es sogar ein wenig fest. Ein großer, mächtiger Baum fängt bedrohlich an zu knarzen, als der Wind stärker wird.

Fast bin ich froh, als wir uns wieder auf dem Feldweg befinden. Wir laufen durch die Senke wieder an den Highland-Rindern vorbei. Ein Teil der Rinder hat sich für die Nacht zusammengerottet und sich einen windgeschützten Fleck gesucht. Erneut werden wir mit Argusaugen beobachtet.

Und tatsächlich, als wir uns auf den Rückweg zum Auto machen, kommen die ersten dickeren Tropfen herunter. Trotz der gigantischen Aussicht bin ich froh, wieder im Warmen zu sitzen und den Moment genießen zu können, Reußenstein erlebt zu haben.


 
 
 

3 Kommentare

  1. Noel sagt: Antworten

    Wow, ich glaube, das ist mein liebster Blogeintrag! Tolle Fotos, wo ist denn das?

  2. Petra sagt: Antworten

    Ich kann mir genau vorstellen wie Du Dich gefühlt haben musst. Es ist mystisch. Kennst Du eigentlich den neuen Blogger-System Anbieter qwer.com ? Ich würde mich sehr über eine Antwort auch per Email von Dir freuen. Vielen Dank und
    weiterhin viel Erfolg mit Deinem Blog.

    1. Sidney Sidney sagt:

      Hallo Petra,
      Danke für deinen netten Kommentar 😉 Ja, mystisch ist das passende Wort dafür 🙂 Ich muss da dringend nochmal hin.
      Nein, qwer.com kenne ich noch nicht. Allerdings bin ich kein Fan von kostenpflichtigen Anbietern. Ich bleib da lieber bei meinem WordPress auf meinem Webspace 😉 Ist unterm Strich günstiger, als wenn ich zusätzlich nochmal Geld für ein Blogger-System ausgeben muss, bei dem ich nicht 100%ige Kontrolle habe. Bei einem Provider, den ich bezahle, verliere ich noch nichtmal die Domain, denn sollte der Provider je bankrott gehen, kann ich mit meiner Domain und dem gesamten Homepageinhalt zu jedem anderen Provider umziehen 😉 Aber danke für die Info.
      Liebe Grüße 😉

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