Lese-Ecke: die neue Serie – John Katzenbachs „die Anstalt“

Mir ist aufgefallen, dass ich mich auf meinem Blog mit allem beschäftige, nur nicht mit dem Thema, das mich seit Jahr und Tag begleitet: Bücher. Ich habe relativ früh gelernt, zu lesen (und zu schreiben), der erste Schultag war für mich dann aber eine Katastrophe. Meine Eltern versuchten mir die Schule schmackhaft zu machen, indem sie mir erzählten, dass ich dann dort mit vielen in meinem Alter Bücher lesen dürfe. Das war der einzige Punkt, der mich etwas freundlich gesinnter stimmen konnte.
Ich wurde eingeschult, ging mit meiner Schultüte und meinem Ranzen bewaffnet zusammen mit meiner neuen Klassen in ein Klassenzimmer und kam bitter enttäuscht wieder raus. Auf die Frage „Wie war dein erster Schultag?“ stampfte ich wütend mit dem Fuß auf und erklärte inbrünstig „Ich dachte, man lernt hier lesen und schreiben und darf dann Bücher lesen. Aber die haben nur geredet und geredet und lesen durfte ich gar nichts. Ich geh hier nicht mehr hin!“. Das war also mein erster Schultag.

Im Lauf der Zeit wurde es natürlich besser. Ich entwickelte mich zu einer Leseratte sondergleichen und während die Kinder in meinem Alter eben noch Kinderbücher lasen, verschlang ich Fünf Freunde, Tiger Team und TKKG. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich zu den Krimis und Thrillern kam. Mal wieder hatte ich die ganze Nacht unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe den neuesten TKKG-Band verschlungen und war gegen halb zehn Abends völlig frustriert, dass die Geschichten um Tim, Karl, Klößchen und Gabi so oberflächlich und seicht waren. Es gab keinen vernünftigen Spannungsbogen und die Handlungen waren viel zu schnell zu Ende. Unzufrieden über diese Entwicklung kletterte ich aus meinem Bett (ich hatte damals ein Stockbett) und stürmte das Wohnzimmer. Das Buch klemmte unter meinem Arm. Meine Mutter sah von ihrem Buch auf (sie hatte damals eine extreme James Patterson-Phase) und in ihrem Blick lag Verwunderung. Ab acht hatte nämlich bei uns das Licht aus zu sein.

In meiner mir eigenen Art fuchtelte ich mit dem Buch herum (riss dabei übrigens fast eine CD-Uhr vom Schrank) und verfluchte Stefan Wolf (richtiger Name: Rolf Kalmuczak). Meine Mutter belächelte mich und stand auf. „Was willst du nun also von mir?“, fragte sie mich und trat an ihr Bücherregal. Ich wusste es nicht konkret, hatte meine Mutter mir in den Jahren zuvor immer ihre Bücher aus der Hand genommen, wenn ich sie mir mal anschauen wollte. Allein die Vorstellung, dass sie mir eines ihrer Bücher gab, löste bei mir heftiges Herzklopfen aus. Ihre Bücher waren in Hochglanzcover eingewickelt, die Gestaltung war so ganz anders als die meiner Bücher und die Schrift um so vieles kleiner. Auch die Bücher, die wir uns immer in der Bücherei ausliehen, sahen so ganz anders aus. Sie waren viel dicker und auf den Covern waren Fotografien drauf, abstrakte Motive, nichts Gezeichnetes. Und die Seiten waren sauber (zumindest optisch). Ich weiß noch, dass ich die Bücher aus der Bücherei oftmals mit spitzen Fingern angefasst hatte. Kinder gehen mit Büchern nicht so sorgfältig um, wie es die meisten Erwachsenen tun. Darum hatten die meisten Kinder- und Jugendbücher seltsame, nicht identifizierbare Flecken auf den Seiten – für mich ein Graus.

Jedenfalls stand meine Mutter an ihrem Bücherregal, überlegte einen Moment und griff dann zu. Sie wuchtete mir einen Stapel Bücher in die zierlichen Arme und meinte „Jetzt bist du erstmal versorgt.“ Ich strahlte sie über das ganze Gesicht an und wandte mich zum gehen. „Mach nicht mehr zu lange.“ Ich war stolz wie Oskar. Meine Mutter erlaubte mir nicht nur ihre Bücher zu lesen, sondern auch noch etwas länger aufzubleiben. Eine ihrer Buchreihen (die hatte sie selbst zu ihrer Konfirmation bekommen) fand im Lauf der Jahre ihren Weg in meine Sammlung. Helen Dore Boylston mit „Susanne Barden“. Ich hab sie bestimmt schon 20 Mal gelesen, wenn nicht sogar öfter (sehr seicht, aber es macht einfach Spaß sie zu lesen).

Nun lag ich also auf meinem Bett, um mich herum Helen Dore Boylston, James Patterson und Patricia Cornwell. Ich startete damals mit einem Patricia Cornwell. Ich glaube, es hieß „Das geheime ABC der Toten“ oder „Stille Wasser sind kalt“. Eins von beidem.

Jetzt sind bald 15 Jahre vergangen, seit ich meinen ersten Krimi gelesen habe. Es folgten viele weitere. Im Lauf der Zeit kristallisierten sich einige Autoren heraus, nach wie vor bin ich Patricia Cornwell und James Patterson treu ergeben, allerdings fanden auch Autoren wie Richard Laymon, Jussi Adler Oslen, Karin Slaughter, Tom Rob Smith und John Katzenbach ihren Weg in meine Bücherregale.

Was folgte, waren unzählige Marathons quer durch die Buchhandlungen. Während meiner Zeit in München habe ich einen Großteil meines Gehalts für Bücher im Texxt und Hugendubel ausgegeben. Du kannst dir bestimmt gut vorstellen, wie groß meine Freude war, als es auch in Stuttgart einen Hugendubel geben sollte!
Mittlerweile haben ja Firmen wie Kaufland, Penny, Lidl, etc. immer wieder Bücher zum Restpostenpreis im Angebot. Erst vor kurzem habe ich bestimmt 30€ nur für Bücher in der Metro liegen gelassen (etwa 3€ pro Buch). Ich kann einfach nicht an Buchrestposten vorbei gehen, ohne zuzugreifen.

Mittlerweile kaufe ich auch sehr gerne Bücher über Facebook. Es haben sich einige Gruppen eingefunden von Leuten, die ihre Bücher verkaufen. Hierbei stieß ich auf John Katzenbachs „Die Anstalt“.

Vor zwanzig Jahren, als junger Mann, ist Francis Petrel gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden. Mehrere Jahre hat er dort zugebracht – bis die Anstalt nach einer Mordserie geschlossen wurde. Noch immer hört Francis Stimmen, nimmt Medikamente. Die Erinnerung an die traumatischen Geschehnisse von damals ängstigt ihn, und er beginnt aufzuschreiben, was er erlebt hat – mit Bleistift, auf den Wänden seiner Wohnung. Wer war der mysteriöse »Engel des Todes«, der damals sein Unwesen trieb? Gibt es ihn überhaupt? Oder existiert er nur in Francis’ Schreckensphantasien?

Eine Nervenheilanstalt ist eine ganz eigene Welt, zumindest habe ich das verstanden, als mir eine Freundin von ihrer Ausbildung erzählte. Wenn du in eine Nervenheilanstalt gehst, musst du alle Regeln, die du kennst, an der Pforte abgeben. Die Menschen dort ticken nicht so wie du und ich und auch die Ärzte und Pfleger existieren auf einer ganz eigenen Ebene.
Das hat Katzenbach sehr eindrücklich eingefangen. In einer Nervenheilanstalt gibt es eine Routine, die für unseren Alltag tödlich wäre, aber ohne die solch eine Institution nicht funktionieren kann. Die Patienten brauchen diese Routine, damit sie einen Anker haben, einen Orientierungspunkt in einer orientierungslosen Welt zwischen all dem Wahnsinn.
Doch was passiert, wenn diese Routine unterbrochen wird?
Ein Mörder geht um, der zuerst scheinbar einem Weg folgt und dann offensichtlich wahllos Menschen tötet. Francis Petrel – so scheint es – ist der einzige Mensch, der zwischen Wahrheit und Wahnsinn unterscheiden kann und der seine Erkrankung dazu nutzt, dem Mörder zu folgen. Sein Freund und Mit“insasse“ „the Fireman“ versucht mit Logik hinter die Ansichten des Mörders zu gelangen und erhält Unterstützung durch Lucy Kyoto Jones – einer schönen und energischen Staatsanwältin, die sich in die Anstalt einschleußen lässt.

Im Verlauf der Handlung wechselt Katzenbach immer wieder zwischen Francis‘ Erinnerung und der Gegenwart hin und her. Er lässt ihn seine Erinnerungen an eine Wand schreiben, während Francis immer wieder von den Geistern seiner Vergangenheit heimgesucht wird. Es ist nicht immer einfach den Wendungen zu folgen, zumal sich das Buch in zwei Teile splitten lässt: Die Erinnerungen von Francis, die er an die Wand schreibt und die Gegenwart, in der er von seinen Stimmen, seinen Freunden und vom „Engel“ heimgesucht.

Das Buch lässt sich im Großen ganz gut lesen. Es ist relativ flüssig, auch wenn es sich nicht zur allabendlichen Bettlektüre eignet. Katzenbach versetzt den Leser gekonnt in die Gedankenwelt eines psychisch kranken Menschen, der zwischen Wahrheit und Wahnsinn hin- und herschwankt.
Als Einstieg in die Katzenbachwelt ist das Buch eher ungeeignet, man sollte vorher schon mehr als eins gelesen haben!

Ich hoffe, ich konnte dir einen kleinen Einblick in „Die Anstalt“ geben und vielleicht gibst du mir Feedback!


 
 
 

11 Kommentare

  1. Armin Setzer sagt: Antworten

    Ja, „Die Anstalt“ hatte ich mal als Hörbuch, war richtig spannend!
    Wenn ich das so lese… Du bist (fast) wie ich, nur schlimmer, lach. Ich hab zwar auch schon die halbe Bücherei gelesen, aber ich glaube, Du toppst mich spielend! Ich kann das aber verstehen, ich hab als Kind auch oft mit der Taschenlampe unter der Decke gelesen, bis ich klitschnass geschwitzt war. 🙂

    1. Sidney Sidney sagt:

      Ich bin völlig durchgeknallt, wenn es um meine Bücher geht xD Wehe ein Buchrücken ist gebrochen oder eine Seite hat einen Knick. Da krieg ich den Vogel. Herr Sidney hat vorletztes Jahr eines meiner Bücher nach dem Hund geschmissen (Gott sei dank nicht getroffen) aber allein für das Schmeißen eines BUCHES (!!!) hätte ich ihn köpfen können!

  2. Das Buch ist wirklich der Hammer!
    Ich hatte damals niemals ein Buch anfassen wollen, was keine Bilder beinhielt.. ich hasste Bücher irgendwie. Bis ich dann irgendwie die unendliche Geschichte in der Hand hatte. Ich mochte diese Farbenspiele der beiden verschiedenen Welten, wie sie interpretiert waren und naja.. sofort war ich im Lesefluss. Ich glaub das war mein erstes dickes Buch und ich habs immernoch hier stehen *g*

    1. Sidney Sidney sagt:

      Bücher sind etwas unglaublich Tolles und Schönes und ich finde, dass mir ohne Bücher etwas fehlen würde. Ich brauche sie für meinen alltäglichen Ausgleich und ich sehe in ihnen eine Möglichkeit, mich aus meinem chaotischen und turbulenten Leben zurückzuziehen.

    2. Geht mir ganz genauso! Ist einfach eine… naja Flucht.. würd ich nicht sagen, aber irgendwie doch. Es gibt halt ganz ganz andere Welten, die man nie zuvor gesehen hat. Die jeder Mensch ganz anders interpretiert. Die Fantasie spielt ja da eine wahnsinnig große Rolle. Ohne Bücher würde ich wohl am Boden zerstört sein…

    3. Sidney Sidney sagt:

      Ich habe im Lauf der Zeit gemerkt, dass ich im Alltag nicht mehr richtig funktioniere, wenn ich kein gutes Buch zur Hand habe. Noch schlimmer ist es, wenn ich genau weiß, ich hab noch 20 Seiten vor mir und dann sagt mein Bücherregal zu mir: Ätschbätsch, gibt nix Neues mehr. Dann denk ich nur: Verdammt, ich brauche FUTTER! Und dann hab ich das Problem, dass ich dann im Laden stehe und mich nicht entscheiden kann. Was möchte ich als nächstes lesen? Wenn ich aber fünf ungelesene Bücher zu Hause stehen habe, fällt mir der Buchkauf ganz leicht o.O

    4. Allgemein, wenn ich im Laden stehe… Ich hab schon immer gesagt „In Schuhläden kannst mich jagen, ich geh sofort raus, da kriegen mich keine zehn Pferde unter“ – aber mal ganz ernsthaft… In einen Buchladen kann ich seltsamerweise STUNDEN damit verbringen, mir die Klappentexte durchzulesen, rumzujammern, welches Buch ich denn kaufe und so weiter und so fort. Problem ist dann halt, dass ich eher geizig mit meinem Geld umgehe(n muss) und dann fast heulend ohne Buch aus dem Buchladen gehe. Aber schnüffeln tu ich trotzdem gern (also in Büchern.. der Duft ist soo einmalig!)

    5. Sidney Sidney sagt:

      Ja, Gell? Ich werde immer ganz doof angeschaut, wenn ich ein Buch ins Regal zurückstelle, das gleiche Buch (also selber Autor und selber Titel, aber z.B. anderer Einband) wieder rausnehme und dann sage: Das andere hat nicht gut gerochen. Besonders toll finde ich den Geruch in Antiquariaten. Vor allem in Heidelberg gibt es eins, da kann ich Stunden damit zubringen, nur zu riechen und zu schnüffeln. Einfach toll! Es riecht nach alten Seiten, nach altem Leder und altem Metall (der unverwechselbare Geruch von Eisen und Messing! Und ja, Eisen und Messing kann riechen!). Auch das Berühren von alten Büchern ist toll (darum habe ich 6 alte Shakespeare-Bände, noch in Sütterlin), die dünnen, knisternden Seiten und die schweren Einbände. Einfach wahnsinn!
      Ich als Frau geh auch nicht gerne Schuhe einkaufen. Gib mir ein Budget von 100€ und sag mir, ich soll Schuhe kaufen gehen, ich komm entweder wieder mit 100€ nach Hause, oder mit 10 Büchern á 10€. Hugendubel ist da ganz gefährlich, weil ich da gerne versumpfe (vor allem der in München am Stachus). Supergemütlich und eine gigantische Auswahl!

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