[Gedanken] Oberflächlichkeit

Nachdem ich den ganzen Tag gearbeitet hatte um endlich mit der Webseite einer Bekannten fertig zu werden, hatte ich mich daran gemacht und an meinem Buch weitergeschrieben. Währenddessen hat mich ein anderer Bekannter gebeten, seine Leseprobe gegenzulesen. Einige Stunden später (ich hatte mittlerweile den Haushalt erledigt), fragte er mich, ob ich bereit wäre, seine Leseprobe so zu korrigieren, damit sie zu meinem Gusto passt. Da er mir auch schon geholfen hatte, war das für mich eine Selbstverständlichkeit. Bis kurz vor Null Uhr war ich also recht gut eingespannt und habe quasi permanent auf den Monitor gestarrt.

In der Vergangenheit wurde mir von dem einen oder anderen meiner Kunden angekreidet, ich würde nicht an ihren Projekten arbeiten, sondern nur online sein. Damit diese Menschen sehen, dass das nicht stimmt, habe ich mir irgendwann angewöhnt, einen eher belanglosen Statuseintrag auf Facebook zu posten, der lediglich meine Aktivitäten des Tages beschreibt.

Nun wurde mir vor einigen Stunden angekreidet, ich hätte mich in den letzten zwei Jahren stark verändert, meine Beiträge und ich seien nur noch oberflächlich und nicht von Interesse. Hm. Es wundert mich schon ein wenig, wie eine Person, die mich privat gar nicht kennt, die mich noch nie persönlich getroffen hat und die noch nicht einen einzigen Schritt in meinen Schuhen gegangen ist, behaupten kann, ich sei oberflächlich oder hätte mich stark verändert.

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich über solche „Vorwürfe“ nachdenke, bevor ich sie dementiere oder gar in dieselbe Kerbe schlage. Auch wenn ich im ersten Moment vielleicht nicht so wirke, so treffen mich solche Aussagen dennoch und ich lasse dann Revue passieren, was so geschah, das diese Person dazu bewegt haben mag, so über mich zu denken.

Was ist in den letzten zwei Jahren geschehen und wie waren meine Facebook-Statusbeiträge davor?

Davor

Nun, in der Zeit vor zwei Jahren (wir reden von Mitte/Ende 2014) lebte ich mit meinem Ex unter einem Dach. Ich war unausgeglichen, frustriert, das Leben ödete mich an und ich war schlicht überfordert. Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte um etwas zu ändern, hatte keinerlei Perspektive und suchte für alles ein Ventil. Nun gibt es in unserer Gesellschaft genügend Ansatzpunkte, bei denen man anfangen kann zu motzen, nach Veränderungen zu schreien, die das eigene Leben vermeintlich verbessern könnten. Dass meine Ansätze nicht unbedingt falsch waren und ich gutes Material für Diskussionen fern den Stammtischparolen bieten konnte, liegt in der Natur der Dinge: Ich informiere mich, bevor ich irgendwelchen Mist verzapfe. Ich denke nach und, was meines Erachtens nach vielleicht viel wichtiger ist, ich weiß mich auszudrücken. Somit war ich eine Zeitlang für manche Menschen ein Sprachrohr, wenn sie selbst nicht die passenden Worte gefunden haben. Das änderte aber an meinem Leben und meiner Ausgangssituation gar nichts. Egal, wie oft ich gegen unsere Politiker und unseren Sozialstaat wetterte, gute Ansätze hatte, ein Job, der mich ernährte, fiel deswegen noch lange nicht vom Himmel, ich stürzte nicht plötzlich in einen Jungbrunnen, der mir erlaubte, meine Fehler und Fehlentscheidungen rückgängig zu machen. Meine persönliche Situation blieb die Gleiche: Ich hatte einen Exfreund an der Backe, der versuchte mich und mein Leben zu kontrollieren, obwohl unsere Beziehung schon lange gescheitert war, stand ohne Job da, hatte vier Katzen (versteh mich nicht falsch, ich liebe sie alle vier heiß und innig! Und ich gebe keine von ihnen her!), die versorgt werden wollten und drohte permanent in eine handfeste Depression abzurutschen. Meine Perspektive? Hatte ich keine.

Danach

Dann traf ich auf den Menschen, der mir den Mut und den Lebenswillen zurückgab, etwas ändern zu wollen – und die Gewissheit es auch schaffen zu können. Mister X ist beileibe nicht perfekt. Und gerade dieses herrlich Unperfekte macht ihn zum idealen Partner in allen Lebenslagen – zumindest für mich! Egal wie ausweglos meine Situation auch wirkte, er ließ nicht locker und er ließ mich vor allen Dingen nicht im Stich. Er schaffte es, mir Perspektiven in meiner Perspektivlosigkeit aufzuzeigen. Und gleichzeitig fing er mich auf, wenn mal wieder alle Stricke rissen, emotional wie finanziell. Er verschaffte mir einen neuen Blickwinkel und immer wieder zwang er mich, meiner eigenen Faulheit und meinem inneren Schweinehund in die Augen zu sehen. Mister X stand mir bei, als ich mit dem Rücken zur Wand stand und alles tat um aus meiner „Komfortzone“ nicht rauszumüssen. Dass diese Zone aber alles außer komfortabel war, wollte ich mir lange gar nicht eingestehen. Und jetzt, da ich festgestellt habe, dass der innere Schweinehund nur ein kleines Monsterchen ist, vor dem ich keine Angst zu haben brauche und alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird, steht er hinter mir und stützt mich, damit ich nicht wieder umfalle. Er reicht mir die Hand, wenn der Graben etwas zu breit für meine kurzen Beine ist und er zeigt mir, wie man einen Klettergurt verwendet, damit ich endlich diesen doofen Berg vor mir hochkomme. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass er Unmögliches von mir erwartet, so erwartet er dennoch nie zuviel.

Während ich also damit beschäftigt war, die Wunden der vergangenen Jahre und sogar Jahrzehnte zu lecken, mich selber wieder zu finden, meinen Weg auszukundschaften, bekam ich gar nicht mit, wie sich mir so langsam wieder Türen öffneten. Ich packte mein Leben an, begann das Chaos in meinem Haushalt Zimmer für Zimmer zu organisieren und auch wenn ich noch lange nicht am Ziel angelangt bin, so lichtet sich der Berg aus Schotter zu einem Trampelpfad. Ich habe für mich Möglichkeiten gefunden, wie ich mit den Anforderungen des alltäglichen Lebens zurechtkomme und auch wenn immer alle darüber schmunzeln, gibt es dennoch Dinge, die MIR helfen. Mein Bullet Journal ist z.B. so ein Helferlein. Früher habe ich die BuJoaner immer belächelt, wenn sie alles und jeden Scheiß getrackt haben. Eine Spalte für jeden Tag und dann werden so Sachen getrackt wie Zähne putzen, Betten machen, etc. Das fand ich echt befremdlich. Für Februar wollte ich dem Tracking aber mal eine Chance geben und habe mir Dinge ausgesucht, die immer wieder liegen bleiben. Z.B. werden meine Fenster nur sehr stiefmütterlich behandelt. Somit haben die zweimal im Monat einen Platz im Tracker gekriegt und an diesem Tag werden bei mir die Fenster geputzt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass die Katzenklos auch hin und wieder etwas zu kurz kamen. Seit ich auch das tracke, freuen sich meine Katzen jeden Tag über saubere Katzenklos. So sehr ich das Tracken verschiedener Dinge belächelt habe, so wunderbar funktioniert das bei mir.

Mittlerweile hat sich für mich sogar ein neuer Job aufgetan. Vorerst zwar nur auf 450€-Basis, aber es ist ein Anfang. Im Herbst ist meine letzte Anstellung sechs Jahre her. Dazwischen gab es dann zwar eine Schulung vom Arbeitsamt, Probekurse, etc. Aber am Ende lief es dann auf Hartz IV hinaus. Das wurde mir über drei Jahre dann auch noch verwehrt, weil ich ja in einer Beziehung war in der der Partner ein festes Einkommen hatte, das zu hoch für meine Hilfebedürftigkeit war. Somit rutschte ich in eine Abhängigkeit, die eigentlich völlig untypisch für mein Wesen und meinen Charakter ist. Der Teufelskreis begann. Das Jobcenter zwang mich dann dadurch in eine Selbstständigkeit, die mir dann zumindest den Schein von Unabhängigkeit gab.

Ab 1. März arbeite ich dann auf 450€-Basis in einem Buchladen für Antiquitäten und gebrauchte Bücher. Ein super toller Laden, den Mister X und ich vor zwei Jahren bei einem Schaufensterbummel entdeckt hatten und in den wir uns verliebten. Mein zukünftiger Chef ist ein sympathischer Mann mit einem immensen Wissen über Literatur. Quasi der ideale Job für mich. Er bringt – neben den Büchern – für mich einige Vorteile: zum einen ist mein neuer Arbeitsplatz quasi in Wurfweite. Fünf Minuten mit der Bahn und ich bin da. Jeder, der mich schon einmal besucht hat, weiß, dass der örtliche Bahnhof etwa 5 Gehminuten von meiner Wohnung entfernt ist. Besser konnte ich es nicht treffen. Dann kennt mich der Chef ja schon seit zwei Jahren. Er weiß, dass ich tattowiert und gepierct bin, er kennt meine verschiedenen Haarfarben (schwarz, blau, türkis und rot). Er weiß, dass mein Kleiderschrank von elegant über casual bis hin zu gothic alles hergibt und trotzallem – oder gerade deswegen? – hat er mich eingestellt.

Ich kriege endlich wieder so etwas wie einen Alltag hin, eine Routine, die es mir erlaubt, ein Leben zu führen. Und während ich mich noch in diesem neuen Abschnitt von meinem Leben zurechtfinde, höre ich, ich sei oberflächlich.

Es ist seltsam, denn vor 22 Monaten haben Mister X und ich eine niederschmetternde Diagnose erhalten. Seitdem ist unser gemeinsames Leben definitiv nicht mehr normal. In der Zwischenzeit haben Verwandte von mir eine ähnlich niederschmetternde Diagnose erhalten. Ist es da verwunderlich, dass sich der eigene Fokus verschiebt? Ich habe nie behauptet, dass mir der Rest der Menschheit egal ist oder dass es mich nicht kümmert, was mit unserer Gesellschaft passiert. Aber während ich in meinem direkten Umfeld diese Diskussionen immer und immer wieder führe – auch sehr gerne führe! – trage ich sie nicht mehr in die Öffentlichkeit wie z.B. meinen Blog oder Facebook. Bin ich deswegen ein oberflächlicher Mensch?

Mein Leben, mein Alltag, das Zusammensein mit einem Menschen, der einen biologischen Defekt hat, die Suche nach dem eigenen Sein und das Zurückkehren in die Gesellschaft sind anstrengend. Manchmal würde ich gerne tauschen und dann denke ich mir: Warum? Du hast einen Menschen, der dich liebt, an deiner Seite. Du hast vier Katzen (bis vor einigen Jahren wäre noch nicht mal eine einzige denkbar gewesen). Du hast wieder einen Job. Du hast Hobbies. Und ganz nebenbei bemerkt, gehe ich nach wie vor zu jeder Wahl, die für mich eine Rolle spielt. Ich engagiere mich im Kleinen politisch und hin und wieder mache ich anderen Menschen eine Freude, die ich gar nicht kenne, vermutlich niemals in meinem Leben sehen werde und die dennoch ein Lächeln im Gesicht verdient haben.

Wenn das alles oberflächlich ist, dann bin ich gerne oberflächlich!

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